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Tourismusforschung: Was läuft schief in Österreich?

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Österreich ist reich an Natur- und Kulturschätzen. Zum Beispiel zieht das Alpendorf Hallstatt immer wieder Touristen aus aller Welt an (Foto: Österreich Werbung)
Österreich ist reich an Natur- und Kulturschätzen. Zum Beispiel zieht das Alpendorf Hallstatt immer wieder Touristen aus aller Welt an (Foto: Österreich Werbung)

Hallstatt am See
Das Tourismusland Österreich ist reich an Natur- und Kulturschätzen. Zum Beispiel zieht das Alpendorf Hallstatt immer wieder Touristen aus aller Welt an. Der Tourismus ist für Österreich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Aber Politik und Wirtschaft haben kein Interesse an der Tourismusforschung. Warum? (Foto: Österreich Werbung)
Droht Österreich seine bisher führende Rolle im internationalen Tourismus zu verspielen? Laut WIFO ist Österreich mit Einnahmen von 1.752 Euro pro Kopf und Jahr noch Tourismusweltmeister.

Im Report des World Economic Forums hingegen ist die Tourismusrepublik bezogen auf 15 Kriterien wie etwa Infrastruktur, Ausbildung, Sicherheit, Preisniveau, Sauberkeit und ökologischer Nachhaltigkeit bereits aus den Top 3 rausgeflogen. Vorne liegen die Schweiz, Deutschland, Frankreich und Schweden. Was läuft da schief? Was sagen Tourismusforscher zu dieser dramatischen Entwicklung?

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Erst kürzlich gab es unter dem Motto „Tourismusforschung – Quo vadis?“ eine hochrangig besetzte Podiumsdiskussion des Travel Industry Club, einem Think Tank von Meinungsbildnern und Entscheidern in der Reiseindustrie.

Travel Industry Club Austria: Diskussion Tourismusforschung
Diskussion zum Thema Tourismusforschung in Österreich: Moderator Michael Kerbler, Kondeor-Geschäftsführer Dietmar Kepplinger, FH-Professor Georg Christian Steckenbauer, FH-Bereichsleiterin Daniela Wagner, Modul University Rektor Karl Wöber und Statistik Austria Experte Peter Lahmer (Foto: Christian Mikes/Pressetext/TIC)

Dass Österreichs vernachlässigte Tourismusforschung einen Neustart braucht, darüber waren sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde einig. Konkret wurden Forschungsförderungsmittel für touristische Grundlagenforschung, eine eigene Programmlinie und die Nachbesetzung des verwaisten Lehrstuhls für Tourismus und Freizeitwirtschaft gefordert.

Professor Dr. Karl Wöber, Chef der Modul University am Kahlenberg, warnte vor dem „Niedergang der heimischen Tourismusforschung“. Nicht nur Politik, Medien und Touristiker, auch die Universitäten selbst seien verantwortlich, meinte er. „An der WU gibt es 15 Forschungsinstitute, warum keines mehr für Tourismus?“

Transferleistungen der Tourismusforscher würden nicht honoriert, für Universitätsrankings seien sie überdies bedeutungslos.

Professor Dr. Karl Wöber
Professor Dr. Karl Wöber (Foto:PR Plus/ TIC/ www.fotodienst.at)
Wöber: „Das Diktat der Zahlen bringt die Tourismusforschung um. Es gibt zu wenig Publikationen; das wird nachteilig bewertet. Die Universitätsleitung fordert Publikationen, die ihr Ranking verbessern. Tourismus ist nicht dabei.“

Und Professor Karl Wöber stellte die Frage, mit wem die WU eigentlich in Konkurrenz stünden. Wöber: „Derzeit überholen uns Hochschulen in Asien, Nordamerika und Australien.“

Der Lehrstuhl für Tourismus und Freizeitwirtschaft wurde nach der Pensionierung von Prof. Josef Mazanec nicht mehr nachbesetzt. Zwischen 1982 – 2011 wurden laut Karl Wöber 84 Dissertationen betreut, die Absolventen sind heute in führenden Positionen des Österreichischen Tourismus tätig.

Seither kann ein Tourismus-Doktorat bzw. Ph.D. nur noch am Kahlenberg erworben werden. So wie die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) fordert auch der Travel Industry Club (TIC) energisch, dass der seit 2011 verwaiste Lehrstuhl nachbesetzt und die touristische Grundlagenforschung in Österreich auf neue Beine gestellt wird. Aber die Politik stellt sich taub.

Dabei sieht Wöber einen großen Nachholbedarf. Der Chef der Modul University wird seine im Eigentum der Wirtschaftskammer Wien befindlichen Universätskapazitäten in den nächsten Jahren von derzeit 450 auf 1000 Studentenplätze aufstocken.

Mehr als 70 Prozent der Bewerber kommen aus dem Ausland. Diese zunehmende Nachfrage müsse auch Konsequenzen für den öffentlich-rechtlichen Universitätsbetrieb haben, forderte er.

„Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“, meinte Wöber. „Es braucht dringend dezidierte Förderungsmittel für die Tourismusforschung und eine eigene Programmlinie; das wäre schon ein Riesenschritt und ein Signal an die Touristikbranche.“

Diskussionsteilnehmer Dr. Georg Christian Steckenbauer, Forschungsbereichsleiter an der IMC Fachhochschule Krems, stellt in TRAVELbusiness seine Position zur Lage der österreichischen Tourismusforschung in drei Thesen vor.

These 1: Tourismusforschung unterliegt Marktgesetzen. Tourismusforschung funktioniert – wie Forschung in anderen Bereichen auch – grundsätzlich nach Nachfrage und Angebot.

Aus diesem Grund ist die derzeitige Situation der Tourismusforschung nicht verwunderlich: Die Tourismusbranche ist bekanntermaßen eine kleinteilig Strukturierte, selbst größere Akteure haben vergleichsweise wenig Budget für Forschung.

Dr. Georg Steckenbauer FH Krems
Dr. Georg Steckenbauer (Foto: Christian Mikes/Pressetext/TIC)
Wo Marktversagen herrscht, kann der Staat regulierend eingreifen – wie dies z.B. im Tourismusmarketing ja auch getan wird, um die Breite der österreichischen Tourismuslandschaft zu erhalten.

Auch im Bereich der Tourismusforschung geschieht dies z.B. über Forschungsförderungen. Ob damit die richtigen, eben für die Tourismuswirtschaft zukunftsentscheidenden Themen unterstützt werden, darüber lässt sich streiten.

Großer Optimismus hinsichtlich mehr Mittel in der Tourismusforschung ist jedenfalls angesichts der aktuellen budgetären Herausforderungen Österreichs nicht angebracht. Wir müssen da wohl etwas kreativer sein.

These 2: Touristische Anbieter brauchen in erster Linie Innovation in Produkt und Präsentation, um kompetitiv zu bleiben. Die einzelnen Anbieter am touristischen Markt haben mit aktuellen Herausforderungen genügend zu kämpfen. Sie werden F&E-Leistungen dann beauftragen, wenn ihnen dies dabei hilft, am Markt besser zu bestehen (siehe These 1).

Tourismusforschung kann einen sehr wichtigen Beitrag zu Innovation in Produkt und Präsentation liefern, kann aber aus Sicht der Tourismuswirtschaft kein Selbstzweck sein.

Das bedeutet nicht, dass wir unseren Blick in der Tourismusforschung nicht auf mittel- und langfristige bzw. grundlegende Themen lenken müssen, deren Erforschung in keinem direkten Nutzungszusammenhang steht.

Die Definition relevanter Zukunftsthemen (Stichwort Klimawandel, Stichwort Wettbewerbssituation, Stichwort Mitarbeiter, Stichwort Technologie) muss aber durch die Wissenschaft selbst erfolgen.

Immerhin beanspruchen wir TourismusforscherInnen ja genau die analytische und fachliche Kompetenz, um solche Schwerpunktsetzungen vorschlagen zu können. Und es gibt ja genügend akademische und außerakademische Tourismusforschungsinstitutionen in Österreich. An der Kompetenz mangelt es offensichtlich nicht.

These 3: Bessere Zusammenarbeit zwischen den Akteuren erhöht die Wahrnehmbarkeit der Tourismusforschung. Die Beantwortung der Frage, welche Themen von grundlegender Bedeutung für die Zukunft der Tourismuswirtschaft künftig beforscht werden sollen, und mit welchen Mitteln dies getan werden soll, kann jedenfalls nicht an die Politik oder gar die Tourismuswirtschaft delegiert werden (siehe These 2).

In der stärkeren Zusammenarbeit der Forschungsinstitutionen liegt meiner Meinung ein Teil des Schlüssels zur Verbesserung der Situation. Mehr Zusammenarbeit erlaubt mehr Spezialisierung der einzelnen Akteure, mehr Abstimmung kann dazu führen, größere Themenfelder gemeinsam anzugehen und von verschiedenen Positionen aus und auf verschiedenen Ebenen – von grundlegender theoriebezogener Reflexion bis hin zur Ableitung ganz konkreter Handlungsempfehlungen – zu beleuchten.

Damit bestünde auch die Chance, durch größere und längerfristig angelegte Projekte mehr über Tourismus zu verstehen, statt in kleinen Projekten immer wieder bloß den Status-quo zu beschreiben.

Eine Bündelung der Kräfte, bessere Abstimmung, mehr Zusammenarbeit kann dazu führen. Das löst keineswegs das Problem mangelnder Finanzierung. Aber es trägt dazu bei, die vorhandenen – in Summe gar nicht so geringen Mittel – effizienter und zukunftsorientierter einzusetzen.

Über den Autor: Dr. Georg Christian Steckenbauer (georg.steckenbauer@fh-krems.ac.at), Forschungsbereichsleiter an der IMC Fachhochschule Krems, hat Anfang 2013 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen die IMC tourismFACTORY ins Leben gerufen, in der die touristischen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der FH gebündelt werden. In der tourismFACTORY werden sowohl größere touristische Forschungsprojekte (z.B. www.CultTour.eu, www.inrutou.eu) durchgeführt als auch Projekte gemeinsam mit touristischen PraktikerInnen entwickelt.

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