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Über das Unglück, ein Grieche zu sein!

2009
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Ist es Glück oder Unglück, ein Griechen zu sein? Ein Grieche legt seine Landsleute auf die Psycho-Couch(Foto: Pixabay)
Ist es Glück oder Unglück, ein Grieche zu sein? Ein Grieche legt seine Landsleute auf die Couch (Foto: Pixabay)

Alle reden über Griechenland und die Griechen. Aber was wissen Europäer wirklich über die Griechen? Wie ticken die Griechen wirklich? Der bekannte griechische Intellektuelle und Publizist Nikos Dimou, der Deutsche und deren Bräuche liebt, hat in dem Bestseller „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ seine Landsleute auf die Freudsche Couch gelegt. Dabei kam Erstaunliches heraus.

Buchcover: Über das Unglück der Griechen
Über das Unglück der Griechen (Verlag Ante Kunstmann)
So liefert er darin zeitlose Einsichten für alle, die Griechenland lieben und doch an ihm verzagen: „Ein Grieche tut alles, was er kann, um die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu vergrößern.“ Und: „Mit Methode und System, die unserem täglichen Leben und unserer Arbeit fehlen, konzentrieren wir uns auf unsere geheime Mission: das wunderbare Land, das uns das Schicksal zugedacht hat, so effektiv wie möglich zu zerstören.“

Über die Europäische Union schreibt Nikos Dimou in seinem Buch Über das Unglück, ein Grieche zu sein<: „Wenn ein Grieche von Europa spricht, schließt er Griechenland automatisch aus. Wenn ein Ausländer von Europa spricht, ist es undenkbar für uns, dass er Griechenland nicht mit einschließt.“ In einem Interview mit der deutschen Tageszeitung Die Welt attestiert der Philosoph Nikos Dimou seinen Landsleuten ein schweres Identitätsproblem, das weit in die Geschichte zurückreicht: „Ich mache mich unbeliebt bei den Griechen, weil ich Wahrheiten ausspreche, die die Leute nicht hören wollen. Tatsächlich haben die Griechen seit jeher ein schwieriges Verhältnis zum Westen. Das Land ist ideologisch geprägt von der orthodoxen Kirche und vom Kommunismus, die beide antiwestlich eingestellt sind. Auf dieser Basis vermuten die Griechen hinter der Solidarität Europas schlechte Absichten, sie geben sich Verschwörungstheorien hin.“

Nikos Dimou weiter: „Die Griechen versuchen mit allen Mitteln, der Wirklichkeit zu entfliehen. Das zeigt sich schon bei einem Blick in die griechischen Schulbücher. Der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge wurden die Griechen immer verfolgt, sie haben nie Kriege begonnen und im Übrigen immer recht gehabt. Was daraus spricht, ist das Selbstverständnis, ein überlegenes Volk zu sein, das direkt von Sophokles und Aristoteles abstammt. Wenn an diesem Bild gekratzt wird, kann es nicht mit rechten Dingen zugehen. Also überlegen sich die Leute allerlei Theorien, weshalb den Griechen nun so übel mitgespielt wird.“

Philosoph und Publizist Nikos Dimou
Philosoph und Publizist Nikos Dimou über die Griechen (Foto: Drassi CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)
Über die Fehler der Europäischen Union meint Nikos Dimou im Welt-Interview: „Die EU hat viel zu spät die wahre Dimension der finanziellen Katastrophe erkannt. Im Prinzip war schon 2004 während der Olympischen Spiele klar, dass Athen sich zu viel Geld leiht, das es nie würde zurückzahlen könne. Schon da hätten die Kreditgeber bremsen müssen, um Griechenland zu retten. Natürlich tragen die griechischen Politiker die Hauptverantwortung für diese Krise. Sie haben die Schulden gemacht, den öffentlichen Sektor aufgeblasen, und sie schützen nach wie vor ihre Klientel. Deswegen musste die Troika ja auch nach Athen kommen, aber sie hat dabei die Mentalität der Griechen unterschätzt. Die EU-Vertreter verfügten autoritäre Erlasse, aber sie haben die Rechnung ohne die Griechen gemacht. Weil hier keine Diktatur herrscht, kann man einen solch radikalen Reformkurs nicht gegen die Bevölkerung durchsetzen. Man muss die Leute mitnehmen.“

Diese Geste wird als „moutza“ bezeichnet und stammt von einer byzantinischen Praxis ab, bei der Kriminellen oder Kriegsgefangenen zur Demütigung Asche, Schmutz oder auch Fäkalien ins Gesicht geschmiert wurden. Die offene Hand deutet also an, was man mit dem Gegenüber am liebsten machen möchte – und das ist nicht gerade sehr freundlich (Foto: Ggia <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:20110629_Moutza_demonstrations_Greek_parliament_Athens_Greece.jpg">via Wikimedia Commons</a>
Diese Geste wird als „moutza“ bezeichnet und stammt von einer byzantinischen Praxis ab, bei der Kriminellen oder Kriegsgefangenen zur Demütigung Asche, Schmutz oder auch Fäkalien ins Gesicht geschmiert wurden. Die offene Hand deutet also an, was man mit dem Gegenüber am liebsten machen möchte – und das ist nicht gerade sehr freundlich (Foto: Ggia CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

„Mit den Griechen und Europa ist es verrückt,“ sagt der Publizist und Philosoph. Denn: „Die meisten Griechen sprechen über Europa, als ob sie nicht dazugehörten. Aber wehe, wenn ich sage, Griechenland hat eigentlich in Europa nichts verloren. Dann regen sich die Leute hier furchtbar auf und schreien: Natürlich gehören wir zu Europa, wir haben den Namen und die Demokratie erfunden! Dabei hat das Land die entscheidenden Entwicklungen, die Europa zu Europa gemacht haben, nicht mitgetragen. Griechenland hat keine Renaissance erlebt, keine Reformation, keine industrielle Revolution und keine Aufklärung. Die Griechen lebten tausend Jahre im feudalen Byzanz, darauf folgten vierhundert Jahre osmanische Regentschaft. Als Griechenland schließlich in die Moderne katapultiert wurde, war das ein Kulturschock.“

Ein Grieche auf der Suche

Dimou: „Wir Griechen haben ein Identitätsproblem. Wir wissen nicht genau, wer wir sind und wo wir hingehören, deshalb sind wir unsicher und leicht verletzbar. Europa und Griechenland, das ist auch die Geschichte eines Missverständnisses. Wir können das nur überwinden, wenn wir offener sind, die Unterschiede zwischen uns annehmen und davon profitieren.“

Der Philosoph Nikos Dimou, geb. 1935 in Athen, studierte in Athen und München und ist Autor von über 60 Büchern. Bekannt wurde der streitbare Intellektuelle durch seine Fernsehtalkshows, Radiosendungen und vielbesuchten Blogs. Sein berühmter Aphorismenband „Über das Unglück, ein Grieche zu sein“ (Verlag Antje Kunstmann) erschien zuerst 1975 und wurde in der deutschen Erstausgabe 2012 auch in Deutschland ein Bestseller. In diesem , das im Verlag Kunstmann erschienen ist, reflektiert er in Form platonischer Dialoge geistreich über das „Unglück der Griechen“.

Die Deutschen sind an allem schuld
Die Deutschen sind an allem schuld(Kunstmann)
„Wir Griechen verdanken den Deutschen viel. Unseren ersten König, unser Recht, die neo-klassische Architektur und viele Ausgrabungen. Und nicht zu vergessen: unsere Identität – oder zumindest einen Teil davon.“

Und das ist eher ein Unglück. Denn seit Winckelmann die alten Hellenen erfand und den Mythos einer idealen Staatswelt in der griechischen Antike ansiedelte, wurde das Ego der Griechen allmählich etwas zu groß für ihr Land. Schließlich sollten sie auch noch Europäer werden – und waren auch damit, wie sich inzwischen herumgesprochen hat, restlos überfordert.

Nikos Dimou und seine internationalen Gesprächspartner wundern sich über so manches: Warum Griechen im Ausland plötzlich zivilisiert Auto fahren; warum sie schon zur Begrüßung über alles klagen; und was es mit dem griechischen Licht auf sich hat. Ein Glück, dass es nun endlich eine Erklärung für das Unglück der Griechen gibt.

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