Start Tourismus Terror und die Folgen für den Städtetourismus

Terror und die Folgen für den Städtetourismus

1810
3
TEILEN

Der Terroranschlag in Brüssel am 22. März 2016 hat auch Folgen für den Tourismus (Foto: Miguel Discart, Wikimedia Commons)
Der Terroranschlag im Flughafen Brüssel am 22. März 2016 hat die belgische Metropole schwer erschüttert und gezeigt, wie machtlos die Gesellschaft vor Terrorismus ist (Foto: Miguel Discart, Wikimedia Commons)
Der Terror trifft den Tourismus härter als bisher angenommen. Die Angst der Reisenden vor Anschlägen in Urlaubsgebieten wird immer größer. Trotz der seit Monaten und Jahren latenten Terrorbedrohnung lassen sich die Folgen jetzt auch an konkreten Ereignissen festmachen.

So sind seit dem verheerenden Bombenanschlag, der am 22. März am Brüsseler Flughafen 35 Menschenleben kostete, die Auslastungszahlen der Brüsseler Hotellerie gemäß Zahlen von STR Global um mehr als ein Fünftel – konkret 21,9 Prozent (Jänner bis August 2016) – gesunken. Das ist allerdings lediglich die offensichtlichste und am direktesten nachweisbare Verbindung zwischen Terror und Städtetourismus in diesem Sommer.

Tourismusconsulterin Martina Maly-Gärtner
Tourismusconsulterin Martina Maly-Gärtner
In anderen Destinationen, sagt Martina Maly-Gärtner von den europaweit tätigen Tourismusconsultern „Michaeler & Partner“, seien „die Verbindungen auf den allerersten Blick nicht ganz so deutlich, aber nichtsdestotrotz da.“

Während Europas Hotelliers im Sommer vor allem von Reiseängsten und Buchungsrückgängen an „exponierten Destinationen“ (Ägypten, Tunesien oder der Türkei etwa) sowie einer gefühlten Hinwendung zu regionaleren Zielen sprachen, liegen mittlerweile Zahlen vor. Und zwar auch aus Tourismusbereichen und Segmenten, die bislang als von Terror und Flüchtlingswellen unberührt galten: Den Spitzen- und Luxushäusern in europäischen Metropolen. Mitunter zeigen sich die Reaktionen auf politische Ereignisse aber hier erst auf den zweiten Blick.

Auf den ersten Blick: Nächtigungszuwächse

So verzeichnet etwa Wien seit Jahresanfang ein Nächtigungsplus von 3,9 Prozent (Quelle: Wien Tourismus). Bewertet man jedoch lediglich die letzten drei Sommermonate (Juni bis August) zeigt sich im 5-Sterne-Segment ein Rückgang: 8,6 Prozent. Gemäß STR Global Report in dieser Periode sogar ein RevPar (Erlös pro verfügbarem Zimmer) Rückgang von 19 Prozent. „Das ist jenseits der statistischen Schwankungsbreiten“, so Martina Maly-Gärtner.

Wien ist aber vom Terror – bislang – nicht betroffen: Laut den von STR Global erhobenen und ausgewerteten Auslastungszahlen, sind Buchungs- und Auslastungsrückgänge in betroffenen Städten teils dramatisch, in jedem Fall aber auffällig: Paris verzeichnet über die Sommermonate ein Minus in der Auslastung von 13 Prozent, München eines von 6,5. Freilich: Die Durchschnittsraten litten weniger.

Arabische Gäste bescheren ein Minus 30 Prozent

Mit einer der Gründe sind die Ausfälle an arabischen Gästen im Spitzensegment. Besonders deutlich wird das bei einer genaueren Betrachtung der Herkunftsländer der Wien-Besucher der Wien Tourismus Statistiken.

Hier sind starke Verschiebungen zu erkennen: Während der Sommermonate verzeichnete die österreichische Bundeshauptstadt bei Gästen aus dem arabischen Raum ein Minus von 29,4 Prozent. Hintergrund dürften Anschläge in Europa sein.

Neben arabischen Gästen gehen der (Wiener) Top-Hotellerie als Folge politischer Ereignisse weiterhin russische Gäste verloren: Machten Russen 2014 während der Sommermonate noch rund 137.500 Nächtigungen in Wien aus, halbierte sich diese Zahl heuer beinahe: 77.721 Nächtigungen. Das ist ein Rückgang von 43,5 Prozent.

Wachstum aus Fernost soll die Verluste kompensieren

Kaschiert werden diese herben Verluste allerdings durch neue, wachsende Märkte, relativiert Maly-Gärtner: Die Gästewelle aus asiatischen Ländern rollt und wächst weiterhin. Alleine Wien verbucht mit rund 900.000 Nächtigungen seit Jahresbeginn ein Wachstum von 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am stärksten boomen China (+11,8 Prozent) und Indien (+34,8 Prozent).

Darüber hinaus weist die Wien Tourismus ein Plus von 15,4 Prozent bei Gästen aus Großbritannien auf: Der Markt hat sich trotz des Brexit-Referendums vom 23. Juni und des Verfalls des Pfundes positiv entwickelt.

Auch in Großbritannien selbst zeigt der Brexit bis dato keine Auswirkungen auf die Hotellerie: Die Nächtigungszahlen in London stagnieren seit zwei Jahren (bei etwa 108 Mio. Übernachtungen) – auch Auslastungs-Raten und RevPar-Zahlen veränderten sich gemäß STR Global Reports nicht signifikant, sondern schwankten lediglich um etwa ein Prozent.

Immer mehr Reisende meiden die Krisenstadt Istanbul

Verheerend und rasend schnell trafen Weltpolitik und Terror die Hotellerie in Istanbul. Die türkische Mega-City hatte zuletzt in puncto Hotelentwicklungen und Wertsteigerung massiv zugelegt.

Seit Jahresbeginn ist alles anders: Auslastungen wie Durchschnittsraten stürzten ab. Im Upper-Midscale- bis Luxus-Bereich liegt das RevPar-Minus laut STRG Reports fast bei 40 Prozent.

Über die Sommermonate sank die Durchschnittsrate sogar um 28,7 Prozent, die Auslastungszahlen um mehr als 37 Prozent.

Das Fazit von Martina Maly-Gärtner anhand dieser Zahlen ist ein klarer Arbeitsauftrag an die Branche: „Sich der Situation stellen und lernen, dynamischer zu reagieren, um Verluste durch rasches Umfokussieren auf wachsende Märkte zu vermeiden und zu kompensieren, aber auch wieder Vertrauen in verschwindenden Märkten aufzubauen.“

TRAVELbusiness-Background: Seit 1995 gilt Michaeler & Partner, mit Standorten in Wien und Vahrn, als eines der führenden Tourismus- Beratungsunternehmen im Alpe-Adria Raum sowie in Zentral- und Südosteuropa (CEE und SEE).

Das ist auch noch interessant:

Gewinner und Verlierer in Zeiten des Terrors
Wie der Terrorismus unsere Reiseplanung beeinflusst
Reisewarnungen und Reisehinweise mit einem Klick!